Borderline-störungen
 
   
 

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Zur Borderline-Persönlichkeitsstörung:

Es ist zur Zeit noch umstritten, ob man im Jugendalter überhaupt vom Vorliegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sprechen kann, da dieser Begriff voraussetzt, dass die Persönlichkeitsentwicklung abge-
schlossen ist.
Auf der anderen Seite muss man jedoch be-
denken, dass rückblickend bei vielen Erwach-
senen mit dieser Diagnose Anzeichen für die Entstehung der Borderline-Störung bereits im Jugendalter festzustellen waren. Deshalb wäre hier eine frühzeitige Diagnose und Therapie sehr wichtig, um schwerwiegende Fehlent-
wicklungen rechtzeitig abzuwenden.

Was ist eine Borderlinestörung?

Von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung spricht man, wenn die betroffene Person unter einem „tiefgreifenden Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Gefühlen sowie unter deutlicher Impulsivität“ leidet.

Zu den wichtigsten Symptomen zählen:

  • Probleme mit dem Alleinsein und mit Ge-
    fühlen des Verlassenwerdens.
  • Intensive und sehr wechselhafte zwi-
    schenmenschliche Beziehungen, wobei häufig Momente der Idealisierung der Anderen mit solchen der Enttäuschung wechseln.
  • Ein unsicheres und instabiles Selbstbild.
  • Eine Neigung zu impulsivem und unbe-
    dachtem Verhalten.
  • Starke Gefühlsschwankungen, unange-
    messene, heftige Wut oder Schwierig-
    keiten, Wut zu kontrollieren.
  • Chronische Gefühle der Leere.
    Die Betroffenen finden Langeweile unerträglich und versuchen deshalb, sich ständig irgendwie zu beschäftigen.
  • Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder dissoziative Symptome.
  • Wiederholte selbstverletzende Hand-
    lungen (z. B. durch Ritzen), Selbstmord-
    andeutungen bis hin zu Selbstmordver-
    suchen. Diese Handlungen treten vor allem dann auf, wenn die unange-
    nehmen Gefühle unerträglich werden. Sie führen zu einer vorübergehenden Erleichterung, verschlimmern die Situation aber langfristig.

Wie entsteht eine Borderline-Störung ?

Das verhaltenstherapeutische Modell:
Hier geht man davon aus, dass bei der Entstehung einer Borderline-Störung vor allem drei Faktoren eine wichtige Rolle spielen:

1) Eine angeborene Neigung zum Entwickeln starker Gefühle
In der Verhaltenstherapie sieht man als eines der zentralen Probleme von Patienten mit einer BPS eine von Geburt an bestehende Veranla-
gung zu sehr starken Emotionen. Die be-
troffenen Personen erleben negative Gefühle wie Traurigkeit, Angst, Schuld, Scham, Ärger und Eifersucht (aber auch positive Gefühle wie Stolz, Freude, Liebe) sehr viel stärker als die meisten anderen Menschen. Diese emotionale Verletzlichkeit kann man zwar nicht direkt verändern, man kann und muss jedoch lernen, damit umzugehen!

2) Die anderen verstehen diese starken Gefühle nicht - "invalidierende Umwelt"
Im Kindesalter haben die Eltern und die nahen Bezugspersonen häufig große Probleme damit, diese heftigen Emotionen zu verstehen und ihren Kindern angemessen zu begegnen. Dies führt zu häufigen Missverständnissen und zu Störungen in der Kommunikation zwischen El-
tern und Kind. Die immer wiederkehrende Ent-
täuschung in der Beziehung zu den wichtigen Bezugspersonen verstärkt die Schwierigkeit des Kindes, mit den eigenen Gefühlen um-
zugehen und führt zu einem negativen Selbst- und Weltbild. Gleichzeitig ist das auch eine große Belastung für die Eltern.

3) Traumatische Erfahrungen
Viele (aber nicht alle) Menschen, die später ei-
ne Borderline-Störung entwickeln, machen während ihrer Kindheit traumatische Erfahrun-
gen durch Gewalt, Krankheit oder Verluster-
lebnisse. Häufig fühlen sie sich hierfür schuldig, gleichzeitig auch hilflos und ausgeliefert.
Diese und ähnliche Erfahrungen großer Hilf-
losigkeit und Machtlosigkeit angesichts sehr negativer Erlebnisse, die man nicht verhindern oder beeinflussen konnte, lassen Spuren zurück und verstärken die emotionale Insta-
bilität der Betroffenen.

Die Folgen:
Aufgrund ihrer heftigen Gefühlsschwankungen haben die betroffenen Personen mit einer BPS große Schwierigkeiten im Umgang mit sich selbst und mit ihrer häufig überforderten Um-
welt. Die eingangs beschriebenen Symptome sind ein Ausdruck dieser Problematik, manch-
mal auch ein Versuch, diese schwere Belastung aushaltbar zu machen. Es besteht die Gefahr, immer tiefer in die eingangs geschilderten Symptome hineinzugeraten.

Das psychoanalytische Modell:

1) „Ich Schwäche“
Der Psychoanalytiker Otto Kernberg beschreibt Borderline-Patienten als Menschen, die an einer "Ich-Schwäche" leiden. Aufgrund einer besonderen Verletzlichkeit und auch vor dem Hintergrund ambivalenter Beziehungs- und Bindungserfahrungen während der ersten Lebensjahre konnte sich das Ich nicht richtig entwickeln. Es neigt in emotionalen Konflikt-
situationen zur Destabilisierung, so dass dann trotz guter Intelligenz Konfliktlösungen nicht möglich sind und wichtige Aufgaben nicht be-
wältigt werden können. Diese Ich-Destabili-
sierung führt bei den Betroffenen zu intensiven Angstzuständen.
In für sie belastenden Konfliktsituationen ha-
ben Menschen mit einer BPS-Störung Proble-
me, auf einer erwachsenen Problemlösungs-
ebene zu bleiben. Sie verfallen oft in ein sogenanntes primärprozesshaftes Denken, d.h. greifen zurück auf „frühe Problemlösungs-
strategien“. Das sind z.B. kindlich-manipulative Verhaltensweisen, die andere zur Versorgung oder zur Lösung ihrer Konflikte zwingen sollen.
2) Schwarz-weiß Denken
Kennzeichnend ist auch ein polarisierendes Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte "Spalten". Die Betroffenen erleben sich und andere mal als nur “böse”, mal als nur „gut“. In Beziehungen führt dies häufig zu einem Wech-
selbad der Gefühle. In Verbindung mit einer großen Angst vor dem Verlassen werden, ent-
stehen oft Beziehungen, die man mit dem Motto "ich hasse Dich, verlass mich nicht" umschreiben könnte.
3) Probleme mit der eignen Identität
Da ein stabiler Persönlichkeitskern und ein ent-
sprechendes Selbstbild noch nicht ausgebildet sind, nehmen Betroffene sich immer wieder an-
ders wahr und präsentieren sich auch anderen mitunter extrem unterschiedlich. Sie sind sich ihrer selbst nicht sicher und haben Probleme, eine stabile Identität zu finden und zu halten. Es besteht eine große Unsicherheit bezüglich der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, bis hin zu einer Unsicherheit in der sexuellen Identität.
4) Verstrickungen mit der Herkunftsfamilie
Viele Probleme entstehen daraus, dass die Patienten unbewusst mit einem Elternteil symbiotisch verstrickt sind. Ängste vor Verän-
derung können ein Zeichen für diese Symbiose sein, und auch viele Verhaltensweisen sind so zu verstehen, z.B. passives und überange-
passtes Verhalten, Süchte, Ungeduld und Wut.

 

Die Therapie

Verhaltenstherapeutische Vorgehensweise:

Balance: Verändern - Akzeptieren:
Patienten mit einer Borderline-Problematik ha-
ben in ihrem Leben oft intensive Erfahrungen mit manipulativer Liebe und krasser Zurück-
weisung und Frustration gemacht. Noch mehr als andere Patienten benötigen sie in der Therapie ein klares und eindeutiges Bezie-
hungsangebot durch den Therapeuten, in dem Verständnis und Akzeptieren ebenso wie Konfrontation enthalten sind.

Einzel-, Gruppen- und Familientherapie:      
Einzel- Gruppen und Familientherapie sind die drei Säulen unseres Behandlungskonzeptes. In der Regel ist es notwendig, eine Therapie nach der Entlassung am Wohnort fortzuführen.
In der Einzeltherapie geht es um die Bewälti-
gung der Biografie, der erlebten Traumatisie-
rungen und um die Gestaltung des Bezie-
hungs- und Arbeits- bzw. Schulalltags.
In der Familientherapie arbeiten wir an einer Wiederanknüpfung der oft sehr belasteten Beziehungen zwischen Eltern und Jugendli-
chen. Es geht auch um eine Verringerung des innerfamiliären Stresses und um ein Verständ-
lichmachen der Symptome der Jugendlichen, damit gemeinsam an konstruktiven Lösungen gearbeitet werden kann.
In den Gruppentherapien geht es viel um den Aufbau von Fertigkeiten in den Bereichen Selbstwahrnehmung, Kommunikation, Stress-
bewältigung und Entspannung. In der Abtei-
lung für Jugendpsychotherapie der Klinik am Leisberg finden diese Gruppen diagnoseüber-
greifend statt. So können verschiedene Pa-
tienten vieles von einander lernen. In der Fol-
ge werden einige der hier berührten Aspekte genauer geschildert:     
Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse:             
Für die Betroffenen ist es wichtig, ihre Gefühle klar erkennen zu lernen und ihnen dann wieder mehr zu trauen. Das ist oft nicht einfach. Sie müssen lernen, unangenehme Gefühle zu ertragen und an einer konstruktiven Lösung zu arbeiten, ohne in die selbstschädigende Ver-
haltensmuster der Vergangenheit zurückzu-
fallen und stattdessen nach konstruktiven Lösungen zu suchen. Häufig können BPS-PatientInnen ihre Gefühle nicht mehr richtig zuordnen, sie wissen nicht mehr, ob sie Angst oder Ärger erleben, ob sie Traurigkeit oder Schuld empfinden.  Außerdem werden die ursprünglichen Emotionen häufig sehr schnell durch andere Emotionen überlagert. Wenn ich eigentlich Ärger empfinde, jedoch befürchte, verlassen zu werden, reagiere ich möglicher-
weise mit Panik in dieser Situation. Diese Reaktion ist dann manchmal schon so auto-
matisch, dass ich den Ärger überhaupt nicht mehr richtig wahrnehmen kann. Übrig bleibt die Panik in Situationen, die eigentlich mit Ärger zu tun haben.             
Weitere Möglichkeiten für derartige Reaktionen sind Schuldgefühle wegen Ärger, Ärger auf Angstgefühle, Angst vor der Traurigkeit, Traurigkeit wegen Schuldgefühlen und viele mehr. Ziel ist es hier, die ursprüngliche Emotion wieder zu finden, um die eigentlichen Probleme klar auf den Tisch zu bringen. Erst dann kön-
nen die Betroffenen eine Lösung finden, die wirklich helfen kann.

Aufbau von Fertigkeiten:
Der Aufbau von Fertigkeiten soll den betrof-
fenen Jugendlichen im Laufe der Zeit er-
möglichen, Belastungen zu verändern und zu bewältigen. So können nach und nach Aus-
geglichenheit und Lebensqualität aufgebaut werden.
Soziales Kompetenztraining:
Hierbei geht es darum, im Umgang mit den anderen selbstsicherer und effektiver zu werden und dadurch die wichtigen Beziehungen weniger konfliktreich zu gestalten.
Stresstoleranz:
Fertigkeiten, die hier vermittelt werden, beziehen sich auf das Aushalten und Annehmen von negativen Gefühlen. Diese Gefühle können Betroffene immer wieder überfordern, und dann ist es wichtig, wenigstens kurzfristig Ablenkungsstrategien zu haben. BPS-PatientInnen haben hier sehr effektive, aber sehr gesundheitsschädliche Strategien: die Selbstverletzungen und das so genannte „parasuizidale Verhalten“ (Selbstmordandeutungen und -versuche). Hier ist es wichtig, Alternativen zu erarbeiten, die mit zunehmender Übung diese Rolle übernehmen können.
Entspannung und Achtsamkeit       
Schließlich werden Entspannung und Meditationstechniken vermittelt. Diese Übungen zur „inneren Achtsamkeit“ sollen es den BPS Patienten zunehmend ermöglichen, in belastenden Situationen ruhig zu bleiben. Häufig reagieren die Betroffenen impulsiv und ohne Rücksicht auf negative Konsequenzen (z.B. die vorschnelle Kündigung eines Jobs bei einer Demütigung). Die innere Achtsamkeit soll helfen, diese impulsiven Verhaltensweisen abzubauen und "Zeit zu gewinnen".

Der tiefenpsychologische Aspekt in der Behandlung:
Aus tiefenpsychologischer Sicht geht es in einer Therapie immer um Nachreifung und Stärkung der Ich-Funktionen. Viele Techniken der Ver-
haltenstherapie (z. B. Wahrnehmung der eige-
nen Gefühle und Bedürfnisse, Fertigkeitstrai-
nings zur Erhöhung der Stresstoleranz, so-
ziales Kompetenztraining usw.) lassen sich ebenfalls  als „ich-stärkend“ im tiefenpsycho-
logischen Sinne beschreiben.

Im therapeutischen Alltag ist es wichtig, die jugendlichen Patienten damit zu konfrontieren, wenn sie  „borderlinetypische Abwehrmecha-
nismen“ (Spal­tung, Schwarz-weiß-Denken, verzerrte Wahrnehmung von sich selbst und den Anderen) einsetzen und sie darin zu unter-
stützen,  erwachsenere und realitätsnähere Lösungswege für ihre Probleme zu suchen.
Dieser Prozess ist nicht einfach. Das Vorgehen der Therapeuten ist hierbei  unterstützend, konfrontativ, strukturierend und beziehungs-
orientiert. Die therapeutische Beziehung, aber auch die alltäglichen Vorfälle auf der Station und die hier auftretenden Probleme bieten ein wichtiges Lernumfeld für das Erarbeiten neuer und reifer Strategien.

Wir sehen zwischen den Sichtweisen der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse viele fruchtbare Ergänzungen, die Inte-
gration beider Sichtweisen erleben wir in unserer Arbeit als hilfreich und belebend.

Schlusswort:
Die Behandlung von Jugendlichen mit Border-
line-Problematik ist für alle Beteiligten an-
spruchsvoll und aufwändig. Oft kann eine gute stationäre Behandlung dazu beitragen, schwe-
re Krisen zu überwinden und den Grundstein für eine anschließende erfolgreiche ambulante Therapie und Entwicklung zu legen. Diese sollte noch während des Klinikaufenthaltes vorbereitet werden.